Confessions of a Wies’n-Drama-Queen
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Diesen Beitrag verbrach Kathrin am 19. September 2009 |
So, 16 Tage ultimativen Wahnsinn überstanden. Das Herbstfest ist rum und unter uns gesagt: ich bin verdammt froh. 16, pardon 13, 15-Stunden Arbeitstage sind mehr als genug. Für alle, die es nicht wissen: Während “normale” Menschen sich am Herbstfest vergnügen und die Gelegenheit nutzen, ihre Dirndl auszuführen, verdiene ich in dieser Zeit Geld. Mein Reich ist dabei der Käsestand im Flötzinger-Zelt, gleich neben dem Backfisch. Immer der Nase folgen, den Geruch kann man nicht verfehlen.
Geblieben sind mir nach dem Herbstfest noch etwa 10 Stunden Schlafmangel, eine Erkältung, Blasmusik in den Ohren beim Einschlafen und ein Bisserl Geld.
Hier mal einen Einblick in einen typischen Wiesentag aus meiner Sicht:
07.05 Uhr: Mein Wecker klingelt und ich rolle aus dem Bett. Habe am Vortag meine Kleidung so drapiert, dass ich beim Aufprall auf den Boden quasi angezogen bin.
07.22 Uhr: Werde von meiner Fahrgemeinschaft abgeholt und schlafe im Auto nahtlos weiter.
07.39 Uhr: Ein Aufschrei der Fahrerin lässt mich hochschrecken. Vor uns auf der Straße hüpft ein Mann in Unterwäsche mit Regenschirm in der Hand herum. Eigentlich nichts ungewöhnliches, nur der Regenschirm ist neu.
07.45 Uhr: Vor dem Bierzelt liegt eine Lederhose, ein Trachtenhemd und Schuhe. Ich glaube zu wissen wem die Teile gehören.
07.48 Uhr: Am Arbeitsplatz angekommen lese ich zuerst einmal in Ruhe die Zeitung. Stelle fest, dass eines der beiden Miss-Herbstfest-Autos bereits gewonnen wurde. Mist, das wollte ich doch haben. Ich überlege kurz und beschließe, stattdessen das andere Auto zu gewinnen.
08.03 Uhr: 38,217 kg Käse warten darauf gewürfelt zu werden. Von mir. Per Hand. Mit einem stumpfen Käsemesser. Positiver Effekt: Geld fürs Fitnessstudio gespart!
09.35 Uhr: Käse ist gewürfelt, Wurst geschnitten und verpackt, Vorräte sind aufgefüllt. Zeit fürs Frühstück.
09.43 Uhr: Ich genieße die seelige Ruhe beim Frühstück.
09.47 Uhr: Die ersten Besucher kommen. Am Tisch entsteht wie jeden Tag eine philosophische Diskussion darüber, was einen dazu bewegt um diese Zeit ins Bierzelt zu gehen. Wie auch die Tage zuvor kommen wir zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis.
09.53 Uhr: Eine Horde Tiroler stürmt das Festzelt. Leicht zu erkennen am lautstarken Gegröle. (“So sehn Tiroler aus. Shalalalala. So sehn Tiroler aus….”) Vorbei ists mit der Ruhe. Einer der Tiroler hat einen 2mx2m großen Holzrahmen, bespannt mit einem Netz, auf dem Rücken. Soll wohl ein Tor darstellen. Er ist Bräutigam und feiert seinen Junggesellenabschied. Als Tiroler muss man einfach anders sein…
09.58 Uhr: Ich beende das Frühstück und begebe mich zum Käsestand. Die Tiroler grölen nun nach Bier.
10.23 Uhr: Einer der Tiroler kommt und bestellt einen Radi (Rettich; der). Ich unterdrücke ein Würgen und bereite den Radi zu. Kann mir dabei allerdings die Frage nicht verkneifen, wie man um diese Zeit einen Radi essen mag. Daraufhin der Tiroler: “Ja mei, woast, mia san hoid einfach pervers.”
10.48 Uhr: Das Gegröle der Tiroler wird nun untermalt von den Einspielversuchen von “Bast Scho”. Irgendwie disharmonisch das ganze. Mit der Ruhe ists nun endgültig aus.
10.56 Uhr: Es sind neue Rotröcke (Bedienung; die) gekommen. Eine der Neuen begrüßt uns mit einem Bast-Scho-Einspielversuche-und-Tiroler-Gegröle-übertönendem: “Einen wunderschönen guten Morgen!” Nur um mit einem Blick auf uns hinzuzufügen: “Naja, so beschissen wie ihr ausschaut wohl eher doch kein schöner guter Morgen.” Na herzlichen Dank. Ich hab ja schließlich schon gut 150 Arbeitsstunden in diesem Irrenhaus auf dem Buckel. Sie noch keine zwei. Aber ich hab mich gerächt…
11.20 Uhr: “Bast Scho” beginnt nun offiziell mit dem Gedudel. Versteht mich nicht falsch. Ich mag “Bast Scho”. Aber 4mal “Bast Scho” in 8 Tagen ist definitiv zu viel. Zumal sich nach spätestens drei Tagen Dauerbeschallung eh alles gleich anhört.
11.28 Uhr: Ich lerne eine neues Wort: Kaibe-Milli-Kiebe-Gummi-Dietzl-Dichtung. (Kälber-Milch-Eimer-Gummi-Schnuller-Dichtung; die) Hab ich von “Bast Scho”.
11.50 Uhr: Das Mittagsgeschäft ist voll im Gange. Ein Rotrock rauscht heran und präsentiert stolz ihr Bier-Abwisch-Bandl. In rot mit weißer Schrift. Aus dem Tatzelwurm. Ich gratuliere ihr dazu und zeige ihr mein schwarzes VIP-Abwisch-Bandl mit goldener Schrift. Ich glaube, nun ist sie neidisch. Zumindest versteckt sie ihr Bandl und zieht kleinlaut ab.
12.48 Uhr: Versenke mein Handy in einer Wanne mit Radieserln. Wäre ja nicht weiter schlimm, aber die Radieserl schwimmen im Wasser…
12.50 Uhr: Bin mit Fluchen fertig und versuche das Denkschema meines Bruders anzuwenden. Wünsche mir also…nein…ich bin fest davon überzeugt, dass mein Handy noch funktioniert. Muss wohl was falsch gemacht haben, denn das Handy geht nicht.
13.22 Uhr: Es nähert sich wieder ein neuer Rotrock. Diese schaut extrem traurig. Ich versuche sie aufzumuntern. Es funktioniert nicht. Jetzt schaut sie sogar grantig.
13.58 Uhr: Grantig schauender Rotrock nähert sich erneut. Frage sie, ob ihr das bedienen keinen Spaß macht. Sie raunzt mich an: “Sonst würd ich es ja wohl nicht machen.” Ausserdem schaut sie jetzt extrem böse.
14.17 Uhr: Extrem böse schauender Rotrock muss schon wieder Käse holen. Mittlerweile macht es Spaß mit ihr zu kommunizieren und ich frage sie, ob sie immer so unfreundlich schaut. Seitdem sehe ich sie nicht mehr. Sie schickt wohl ihre Kollegin. Komme zu dem Ergebnis, dass ihr wohl die Lachmuskeln fehlen.
14.35 Uhr: “Bast Scho” beendet die Dudelei.
14.38 Uhr: Ich gehe in Mittagspause und esse einen in der Fisch-Friteuse gebackenen Emmentaler. Ca. 250g.
14.53 Uhr: Mir ist schlecht und ich weiß nicht warum.
15.00 Uhr: Nun ist die Dreder-Musi mit Dudeln dran. Mir ist es zu laut und ich beschließe XXL zu fahren, damit ich wenigstens weiß, warum mir schlecht ist.
15.06 Uhr: Stehe am Fuße der 45m hohen XXL. Ich frage mich mehrere Male warum ich mir das antue. Bin zu alt für solche Späße…
15.09 Uhr: Habe wieder festen Boden unter den Füßen und komme zu der Überzeugung, gerade mit einem der besten Volksfest-Fahrgeschäfte gefahren zu sein.
15.15 Uhr: Mittagspause ist vorbei und der übliche Wahnsinn beginnt.
19.37 Uhr: Ich habe keine Ahnung, wo die letzten Stunden hin sind. Das ganze Zelt isst “Obatzdn”. Ich komme kaum hinterher, die Obatzdn-Kugeln auf den Tellern zu platzieren.
20.22 Uhr: Eine Blondine im Leoparden-Plüsch-Dirndl mit pinker Seidenschürze wankt auf mich zu. Sie möchte Krabben-Chips. Ich versuche ihr zu erklären, dass sie sich in einem Bierzelt befindet und es hier keine Krabben-Chips gibt. Sie behauptet aber welche gesehen zu haben und deutet in die Kühltheke. Es dauert geschlagene 4 Minuten ihr begreiflich zu machen, dass es sich beim Radi um Rettich handelt und nicht um Krabben-Chips.
20.29 Uhr: Die Leoparden-Blondine kommt mit ihrem Freund zurück, der mich beschimpft, weil ich seiner Freundin keine Krabben-Chips gebe. Ich spare mir jede Erklärung und gebe ihm ein Stück Radi. Nun hat ers kapiert.
21.17 Uhr: Unser Hauptgeschäft ist vorbei und ich gönne mir eine kurze Pause. Ich nutze sie um das Auto zu gewinnen. Leiste mir also drei Lose und habe 2x Serie 2 und eine Nummer. Keine Frage, ich habe das Auto gewonnen.
21.23 Uhr: Um die Spannung zu steigern hole ich zunächst die Serien-Gewinne. Ich bekomme ein Sprungseil für Zwerg-Pygmäen und eine Miniatur Zinnpfanne, auf der “Mutti ist die Beste” eingeprägt ist.
21.24 Uhr: Stolz gebe ich meine Nummer ab und ernte einen mitleidigen Blick vom Gewinnausgeber. Mein Nummern-Gewinn: Ein Stofftierchen! Kein Tier. Ein faustgroßes Tierchen. Aber es steht “öko” drauf, was wohl eine Nummer rechtfertigt.
21.38 Uhr: Wir beginnen mit dem Putzen. Ich trage den überschüssigen Radi weg. Auf dem Weg zum Container wirft ein etwas angeheiterter junger Mann einen Blick in die Radikiste und fragt was das sei. Ich sage ihm, dass das Rettich ist. Draufhin möchte er wissen, ob man das essen kann. Ich sage ihm er solle es ausprobieren und schenke im einen extra großen, holzigen Radi. Er ist happy, beißt in den Radi und hüpft davon.
22.25 Uhr: Alles ist geputzt. Natürlich kommt noch ein Boxenluder (Bedienung in der Box; die) und braucht eine extra schöne Brotzeitplatte. Also alles nochmal von vorn.
22.38 Uhr: Haben nun endlich alles fertig und ich gehen mit meiner Fahrgemeinschaft zum Auto.
22.41 Uhr: Ein Sturzbetrunkener (muss wohl ein Tiroler sein) schlingert aus dem Playball und übergibt sich. Ich sage ihm, dass das mit einer Kaibe-Milli-Kiebe-Gummi-Dietzl-Dichtung nicht passiert wäre.
23.19 Uhr: Ich bin endlich daheim und schaue noch kurz im Stall vorbei. Gimli begrüßt mich stürmisch. Bin mir nur nicht sicher, ob es Wiedersehensfreude ist, die ihn dazu veranlasst, oder die Wurstabschnitte in meiner Tasche.
23.47 Uhr: Bin geduscht und drapiere meine Kleidung für den folgenden Tag.
23.49 Uhr: Lösche das Licht und schlafe mit Blasmusik in den Ohren ein…
5 Kommentare
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Andi
am 20. September 2009Und ich dachte, der Regenschirm lenkt ab von mir…
Ganz großes Kino, Schwesterlein! Hab mich grad beim Lachen verschluckt! Allein schon für die Rotröcke (Bedienung; die), verdienst einen Orden.
Da können unsere Besäufnisse während Du arbeitest natürlich nicht mithalten, aber Du hast ja eh die meisten wenn nicht alle möglich gemacht…
Hoppsä
am 20. September 2009ach ich weiß ned was du hast trotz dem streß dem lärm und dem ganzen ärger macht mans doch jedes jahr wieder gerne.. und wenn du glaubst dein oasen ähnlicher arbeitsplatz an der käsetheke sei schlimm dann komm doch nächstes jahr mal in die spühlküche
Der Bademeister
am 20. September 2009Danke für diesen sehr bildhaften Eindruck eines Tages im Leben einer Flötzinger Arbeitsbiene. Da wunderts mich echt, wie Du am letzten Wiesentag immer noch ein Lächeln in Dein Gesicht zauber konntest. Allerdings vermute ich Du mußt noch ein bißchen an Deinen Psychotherapeutischen Fähigkeiten arbeiten, sonst wird Dich nächstes Jahr der Rotrock mit Käsewürfeln zu Tode beschmeißen.*grins*
agnes
am 21. September 2009Mehr davon!!!
Kathrin
am 22. September 2009@hoppsä:
Ich beschwer mich ja auch gar nicht. Würd meinen Job um nix in der Welt tauschen wollen. Wobei der Spüler-Job auch nicht der schlechteste ist. Mal abgesehen davon, dass er vielleicht nicht immer der appetitlichste ist, hat er doch auch einige Vorteile:
1. Da hinten hat man seine Ruhe.
2. Ihr könnt die Musik hören, die ihr wollt.
3. Keiner schaut euch beim Arbeiten zu.
…
@Bademeister:
Schokospieße wirken manchmal Wunder…