Achtung: Religion
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Diesen Beitrag verbrach Andi am 19. November 2006 |
Volkstrauertag. Ein weiterer kirchlicher Feiertag, der unter Strich sich nur von den anderen Sonntagen unterscheidet, indem ich eine Stunde des Vormittags in Uniform in der Kirche verbringe.
Einzige Besonderheit: Ich habe das erste Mal unseren neuen Herrn Pfarrer Kögler eine Kirche halten sehen (wenn man den Einweihungsgottesdienst nicht mitrechnet).
Nachdem sein Vorgänger, Jakob Aigner, den ich menschlich sehr schätze, mit dessen liturgischer Kirchenführung ich aber beim besten Willen nichts anfangen konnte, mich zum Kirchenabstinenzler gemacht hat, hab ich dem heutigen Gottesdienst mit einer gewissen Spannung entgegengesehen.
Und weil ich gerade einen spirituellen Run habe, setze ich mich nun einmal etwas genauer mit der heutigen Predigt auseinander. Lieber Herr Kögler, sollten Sie dies zufällig lesen, Sie haben ja selbst erwähnt, dass sie ab und an gern im Netz umhersurfen, sehen sie es als konstruktive Kritik eines gefallenen Engels auf dem Weg ins Elysion.
In der heutigen Predigt ging es, wenn ich das richtig verstanden habe, um die verlotterte Christenheit, die sich schwer mit ihrem Glauben tut. Und Herr Kögler hat nun versucht, dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Dass ich mich überhaupt noch an die Predigt erinnern kann, ist vor allem der wirklich imposanten, bis teilweise gar theatralischen Vortragsweise Herrn Köglers zu verdanken, die mich so fasziniert hat, dass ich mich hab mitreißen lassen. Aber nicht blenden.
In Teil 1 der Predigt ging es um die Person Christus. Einer von uns sei er. Leidenschaftlich schmettert Herr Kögler vom Redepult aus ins Plenum die Menge, dass er kein abgespactes Überwesen sei, dieser Jesus, sondern wir sollen uns vorstellen, es sei der Bub eines Schreiners aus Feilnbach. Er, der alles geschaffen hat, er um den sich alles dreht. Fein. Schönes Beispiel, gefällt mir. Also weiter. Doch anstelle die nun geschaffene Basis für ordentliche Reflexion und die richtige Auslegung zu nutzen, wiederholt der liebe Herr Pfarrer dreimal, DREIMAL die selbe Geschichte, dass Jesus nur ein Schreiner-Bub war, und beim dritten Mal ist sie dann schon nicht mehr so schön bildlich sondern ich möchte am liebsten rufen Komm zum Punkt!
Aber das tut er leider nicht. Die Einleitung kommt ohne Hauptteil und Schluss aus. Anstatt die Vorlage zu nutzen, die Geschichte zu deuten und endlich den Bogen zur Interpretation zu nutzen, verliert er sich plötzlich in der fahrigen Erklärung, wir Menschen können nicht ans Unfassbare glauben, das allein sei das Problem, deswegen fallen wir vom Glauben ab.
Glauben ist eine verzwickte Sache. Ich gebe es ganz offen zu, dass ich so das ein oder andere Problem mit all den Sachen habe, die da in der Bibel stehen. Meiner Meinung nach ist das ein riesiges Bilderbuch, jede Geschichte voller Metaphern, keinesfalls ist darin irgendwas wörtlich zu verstehen. Das schließt auch die Person Jesus mit ein, mit dessen Darstellung ich schon immer gehadert habe.
Die Kirche, respektive die meisten Priester, gehen nun her und verkaufen das, was in der Bibel steht, für bare Münze. Am Beispiel heute: Jesus, ein Schreinersohn, ein gewöhnlicher Mann, entpuppt sich am Ende als Sohn Gottes, tut Wunder, stirbt, fährt auf zu ihm und lebt in Ewigkeit, Amen.
Da steht der Pfarrer vorne und will mir sagen: So war das, echt jetzt! Versteh gar nicht warum Du damit ein Problem hast?
Wenn ICH mich damit auseinander setze, sehe ich aber darin einen Plädoyer, und Vorsicht, das ist jetzt nur eine von vielen möglichen Auslegungen, dass die Nächstenliebe wortwörtlich gleich nebenan beginnt. Am einfachsten möglichen Punkt. So einfach, so klar.
Diesen, oder auch irgendeinen andren Ansatz ist uns Herr Kögler aber heut schuldig geblieben.
Jetzt kann man ja hergehen und sagen: Selbstreflexion. Eine Predigt soll anregen, selbst nachzudenken und seine eigene Interpretation zu finden. Das mag sein (wenngleich die Predigt doch eigentlich eine Interpretation des Evangeliums sein sollte…). Ich bin allerdings auch der festen Überzeugung, dass 9 von 10 Leute 15 Minuten nach dem Gottesdienst nicht mehr wissen, um was es überhaupt im Evangelium ging. Und ich gehöre zu den 9. Soviel zum Thema Selbstreflexion.
Doch zurück zur Predigt: Gegen Ende wírd es nochmal richtig interessant: „Gott ist nicht nett“ sagt Herr Kögler. Ich horche auf. Das könnte interessant werden. Es folgt ein kurzer Exkurs, dass wir alle uns immer nur einen netten Gott vorstellen, Gott aber in Wirklichkeit Herrlichkeit ist, und das sei etwas komplett anders. Ergo verstehen wir da also was falsch und daraus folgen falsche Erwartungen. Innerlich frohlocke ich und denke, JA! JA! Was für eine Vorlage, mach es fest, nenne konkrete Beispiele, festige diese These!
Und im selben Moment ist es auch schon wieder vorbei. Kein konkretes Argument, kein Erklärung, gar nichts. Ende der Predigt. Ich sitze verwirrt da und trauere der verpassten Gelegenheit nach. Was hätte man da einhaken können
Ich sehne mich nach Konkretisierung, nach einem ehrlichen Statement, auch wenn es mal bedeutet, sich ins eigene Bein zu schießen.
Eine Erklärung ala: Die Wege Gottes sind unergründlich. Anders ausgedrückt, wer sind wir Menschen, ein Wesen wie Gott zu verstehen. Was maßen wir uns an? Unser Verstand ist ein Wassertropfen im Meer des Wesen Gottes, unser Horizont zu begrenzt. Oder so was in der Art eben.
Und wenn auch diese Auslegung nicht jedem gefallen wird, so ist damit doch für die Stunde zumindest ein Standpunkt bezogen, ein Halt, der mir so fehlt in dieser Wischiwaschi-Glaubenswelt.
Ich will keine Antwort auf „banale“ Fragen ala: Warum passieren Unfälle, warum müssen wir Kummer leiden, warum ist heute morgen dieses verflixte Zwergfadenfischweibchen tot im Aquarium gelegen. Wenn es einen Gott gibt, dann wird er mir darauf auch keine Antwort liefern, denn er hat dann andere Probleme.
Aber ich will an die Hand genommen werden. Das ist es, was ich von der Kirche, von einem Gottesdienst erwarte.
Wenn jetzt einer hergeht und sagt: Was willst Du denn? Schau her, hier hast Dich doch jetzt 2 Seiten lang mit der heutigen Kirche auseinander gesetzt, Ziel also erreicht!, dann muss ich ihm recht geben. Aber es bedeutet nicht, dass ich es nächsten Sonntag wieder tue. Weil es mich deprimiert.
Am Ende möchte ich dann doch noch was über den Herrn Kögler erzählen. Zwar sind wir uns in puncto Welt- und Glaubensanschauung/-auslegung wohl (noch) nicht ganz einig, aber Sie scheinen mir doch ansonsten schwer in Ordnung zu sein und ich prophezeie mal, dass Sie in Feilnbach wohl noch ordentlich Staub von den hie und da arg verstaubten Regalen blasen werden.
6 Kommentare
Schreib auch was!



DailyAgnes
am 19. November 2006Auch wenn dir “der Neue” keine passenden Antworten oder Anregungen bringt, scheint er trotzdem sehr gut zu sein. Ich erwäge demnächst ernsthaft in die Kirche in Feilnbach zu gehen… rein interessehalber!
Gandi
am 20. November 2006Also ist er doch gut der neue Pfarrer. Du hast dich bisher mit keinem Thema so lange beschäftigt wie mit dieser Predigt.
Übrigends wenn er oben am “Rednerpult” steht sind die da unter nicht das Plenum sondern Kirchengemeinde, Mitbürger, Gläubige oder so was. Im Plenum wird was verhandelt und das ist im Glauben -ausser beim Brandnerkaspar- nicht der Fall.
Andi
am 20. November 2006Oh, vielen Dank für die Aufklärung!
Anonymous
am 24. November 2006„Lieber Herr Kögler, sollten Sie dies zufällig lesen, …“ –
Lieber Andi (Fam.name konnte ich nicht finden),
hab ich.
Ich, das ist der neue Pfarrer von Feilnbach. Und obwohl ich keine Zeit habe, weil … etc pp, – hab ich deinen 3seitigen Kommentar gelesen. Mehrmals.
Ich muß es leider sehr sehr kurz machen – für dieses Mal.
a)„… ich mich hab mitreißen lassen. Aber nicht blenden.“ – Das ist gut, sehr gut!
b)fehlt mir die Zeit, auf Einzelheiten einzugehen – aber es wäre keine Ansammlung von Punkten geworden, wo ich dir widerspreche!
(außer in der 1. Zeile: der Volkstrauertag ist kein kirchlicher Feiertag)
Andi, vielleicht begegnen wir uns ja mal mit weniger Leuten dazwischen und ohne Predigtmanu-skript, ungeplant – oder auch geplant (tel. -250). Wenn ich recht gelesen habe, könnte das ein Gespräch werden, das die 1-2 Std. lohnt und wo jedenfalls der neue Pfarrer Neues dazulernen kann. Denn dazu ist er meistens bereit.
Und zum Staub: Dann bete dafür, Andy! – Das meine ich Ernst.
Dein neuer Pfarrer
Ernst Kögler
(P.S.: die Pulli-Fotos kann man sich sparen; den letzten Beitrag zu Emstetten werde ich auch noch studieren) (ob das mit der Übermittlung klappt, weiß ich nicht, weil ich mich mit dem Zeugs nicht auskenne und auch kein Paßwort oder so habe)
Andi
am 24. November 2006Servus Ernst,
na das ging aber schnell!
Deine Antwort zeigt mir, dass ich Dich wohl nicht falsch eingeschätzt habe und ich bin ehrlich froh, dass Du meine Ausführungen nicht in den falschen Hals bekommen hast.
Ich habe sehr viel positve, als auch negative Resonanz auf diesen Beitrag bekommen. Nur kommt der in letzter Zeit oft mündlich daher, dumm also für meine Leser hier, denen diese Kommentare vorenthalten bleiben.
Aber das Thema ist mir auf jeden Fall einen kleinen Extra-Plausch wert. Bin gespannt ob wir da mal zusammen kommen, da auch mein Terminplan gern zum Bersten gefüllt ist. Sollte Dir Montags mal fade sein, da findest mich gewöhnlich im Feuerwehrhaus!
Viele Grüße,
Andreas Karosser
Anonymous
am 2. Dezember 2006Lieber Andi,
Ich muß gestehen, du hast einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht.
Manchmal hab ich konkrete Leute vor mir, wenn ich eine Predigt konzipiere.
Beim Entwurf der nachfolgenden Predigt (das war die zu Christkönig) war das insbesondere der Andi.
soweit von mir
deinem neuen Pfarrer (aus München, TUM)
Ernst Kögler