Urlaubstagebuch #9: Wüste
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Diesen Beitrag verbrach Andi am 18. Oktober 2007 |
Genau genommen hätten wir keinen Trip in die Wüste unternehmen müssen. Wir hätten nur einen Fuß vor das Hotel-Tor setzen brauchen und wären mitten drin gestanden. Denn die Gegend um Marsa Alam ist Wüste. Kilometerlanges Nichts mit ein paar Hotels und Meer drin.
Doch ich hatte mir eine Safari in die Wüste eingebildet und wer eine brave Prinzessin ist muss da mit. Los gings gegen 14 Uhr. Wer die anderen Tagebucheinträge gelesen hat weiß, dass es in Ägypten ab 15 Uhr bereits wieder abkühlt. Keine schlechte Zeit also, um sich in Wüste zu wagen. Der Trip begann und endete in einem weißen Toyota-Jeep. Der ägyptische Fahrer hatte sichtlichen Spass daran, mit mörderischer Geschwindigkeit durch das Niemandsland zu preschen.
An dieser Stelle fällt mir auf, dass ich ja noch gar nichts über die ägyptische Fahrweise geschrieben habe. Ich dachte bis dato immer, ein autofahrender Grieche wäre an Hirnlosigkeit auf der Straße nicht zu unterbieten, aber in Ägypten stellt man schnell fest, dass man besser früh den Frieden mit seinem Gott machen sollte. Anders hält man das auf der Straße nervlich nicht aus. Abgesehen davon, dass auf ägyptischen Straßen eigentümliche, uns völlig fremde, Rituale stattfinden, beispielsweise hupt ein Ägypter grundsätzlich ALLES an, was sich am Straßenrand bewegt und ägyptische Autofahrer „unterhalten“ sich mit einem kompliziertem System aus Auf- und Abblenden in Kombination mit Warnblinkanlage, so passen auf einer normalen Landstraße in Ägypten (was bedeutet sie sind nicht ganz so breit wie unsere) ein Bus, ein Lastwagen und ein PKW ohne Probleme nebeneinander. Ohne dass da einer bremsen würde. Man hat den Eindruck, als seien die Kerle mit einem vorzüglichem Augenamß ausgestattet. Anders ist nicht zu erklären, warum unser Jepp-Fahrer schon gewiss jenseits der 60 ist, folglich muss er wissen was er tut und es ist für die Schonung der Nerven bestimmt förderlich, sich das einzureden.
Unser Jeep
Nun, irgendwann verließen wir den Highway und fuhren auf eine Straße, die mitten in die Wüste zu führen schien. Diese Straße hatte wohl irgendwann vor langer Zeit jemand gebaut, wohin und zu welchem Zweck weiß ich nicht, denn die ohnehin spärlichen Überreste der Straße, die uns ein ums andere Mal zwangen, auf den Schotter auszuweichen, was den Fahrer jedoch nicht veranlasste, die Geschwindigkeit zu verringern, gingen irgendwann in bloßen Staub und Sand über und schließlich flogen wir scheinbar ziellos über die heiße Ebene.
Nach einer Stunde Fahrt erreichten wir das Beduinen-Camp. Ich habe vor ein paar Monaten die Doku Die Geschichte vom weinenden Kamel gesehen. Und so hatte ich mir die Beduinen vorgestellt, ein armes, aber stolzes Wüstenvolk, dass in Zelten lebt und auf Kamelen reitet.
Beduinenkinder
Arm waren sie, diese Beduinen. Wenn nach deren Maßstäben auch reich, denn immerhin hatte sie mit dem Hotel ein Abkommen, dass ab und an Touristen vorbeikommen durften. Dieser Pakt bringt ihnen einige Vorteile, zum Beispiel dass das Hotel einen Stall für die Kamele gebaut hat, mit denen die Touris durch die Wüste reiten. Wer jetzt denkt, dass es sich dann aber nicht um richtige Beduinen handelt, weil richtige Beduinen ja immerzu umherziehen, der lasse sich belehren, dass diese Beduinen so lange an einer Stelle bleiben, bis ihr Brunnen versiegt ist. Und der Stamm, bei dem wir waren, lebt hier schon seit 1962. Über die Sache mit den Tieren hinaus lehnen sie aber jeden Kontakt zur Zivilisation ab, das geht sogar so weit, dass sie nicht mal Medikamente akzeptieren, sondern auf die Heilkünste der Dorfweisen vertrauen. Man zeigte uns einen Taubenschlag und erklärte, dass der hießige Scheich eine Heilmethode kennt, die etwas mit Taubengedärmen zu tun hat. Der Scheich ist sowieso Dreh-und Angelpunkt des Stammes. Er ist der einzige, der einen Pass besitzt, er erfüllt die Aufgaben des Anführers, Lehrers, Richter uns Arztes. Gesehen haben wir ihn jedoch nicht, durften allerdings seine Unterkunft bewundern. Wer jetzt an ein prächtiges Zelt denkt, liegt falsch. Das „Haus“ des Scheichs entpuppte sich als der größte Müllberg im Dorf. Anders kann man das Sammelsurium aus Wellblech, Pappe, Decken und anderem Unrat nicht bezeichnen. Und es wird schnell klar, die Leute hier leben davon, was ihnen die Wüste gibt, und wenn es nur vom Wind herangewehter Müll ist. Die Behausungen der anderen Dorfbewohner bestehen meist nur aus Palmzweigen, ohne Mülldeko.
Beduinenkind mit Kamel (auf dem ich später geritten bin)
Mitten im Dorf gibt es einen Ziegenstall, ein kleines Kind spielt darin. Während wir einer Bäckerin beim Backen zusehen, überlege ich, ob man sowas überhaupt fotografieren kann oder ob das ethisch nicht vertretbar, gar ein lüsterner Katastrophentourismus ist. Aber ich komme zum Schluss, dass das nicht zutreffen kann. Denn die Beduinen sind glücklich. Sie zeigen uns stolz jeden Winkel ihres Dorfes, schämen sich nicht für ihre Armut und den Unrat, im Gegenteil, sie wirken zufrieden. Und das ist der Punkt, wo ich zum ersten Mal so etwas wie Neid verspüre und mir durchaus vorstellen könnte, auch hier zu leben. Fernab von den Sorgen und Problemen unserer Zeit, all dem Ärger und Stress, nur von einem Tag zum nächsten zu leben und seine Ziele immer klar vor Augen: den nächsten Tag überleben, für die Familie da sein.
Die Bäckerei
Hütte aus Palm-Zweigen
Hier bei den Beduinen saßen wir beide zum ersten Mal auf einem Kamel. Das war eigentlich recht unspektakulär und hier sagen Bilder mehr als Worte. Wir wurden nicht seekrank und das Spannendste ist, wenn die Viecher aufstehen oder sich hinknieen.
Cooler war da schon die Tour mit den Quads. Bin ja zuvor nie auf so einem Ding gesessen und stand Quads immer etwas zwiegespalten gegenüber. Aber das Preschen durch die endlose Wüste macht wahnsinnigen Spaß, Marie sogar noch mehr als mir, denn sie entdeckte die Rennsau in sich und hat ihr armes Quad ganz schön hergeschunden.
Da haben sich zwei gefunden.
Andi, der Kamelflüsterer
Marie und ich beim Quadfahren
Gegen Abend bestiegen wir einen Berg neben dem Lager. Die Sonne würde bald untergehen und von hier oben hätte man einen prima Blick auf das Spektakel, meinte unser Führer. Und Recht hatte er. Bevor die Sonne mit einer wahnsinns Geschwindikeit hinter dem Horizont verschwindet, taucht sie die Wüste noch einmal in ein blutrotes Licht, lässt die Konturen der Berge verschwinden und wo eben noch Licht war, herrscht nun dunkle Nacht. Irgendwie fehlte da was dazwischen, eine Dämmerung wahrscheinlich.
Im Lager wurde mittlerweile gefeiert, die Sonne war untergegangen und laut den Gesetzten des Ramadan durften die Beduienen jetzt Essen und Trinken. Auch wir bekamen zu Essen, tranken Malventee und bekamen Wasserpfeifen angeboten. Nicht nur mit Apfeltabak.
Im Anschluss daran musizierten und tanzten die Beduinen auf dem zentralen Platz des Lagers und wir saßen auf großen Kissen, sahen ihnen zu, rauchten, und genoßen.
Es war fast so etwas wie Wehmut dabei als wir das Lager schließlich verließen und unser Jeep sich auf die beschwerliche Heimreise machte. Wie diese Menschen leben, das berührt mich auch jetzt noch, oder gerade weil, während ich hier vor meinem Laptop sitze und diesen Text schreibe. Wahrscheinlich wissen die Beduinen nicht einmal, dass es sowas wie Computer überhaupt gibt. Und so wie ich hier sitze und diesen Text alleine und für eine mir unbekannte Zahl an Leser schreibe, sitzen die Beduinen in der Arabischen Wüste vor ihren Lagerfeuern und erzählen sich ihre eigenen Geschichten. Und sie sind glücklich dabei.
Auf dem Berggipfel in der Wüste gen Sonnenuntergang.
4 Kommentare
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DailyAgnes
am 19. Oktober 2007Andi, der alte Romantiker… ist dir klar dass die Beduinen leider keinen INternetanschluss haben? Das würdest du keine zwei Wochen aushalten…
Andi
am 19. Oktober 2007Oh doch, das k�nnte ich sogar sehr gut. Das habe ich im Urlaub gelernt.
DailyAgnes
am 19. Oktober 2007Aber immer den Fotoapparat fest umklammert…
Vergiss es Andi, das glaubt dir keiner!
Andi
am 19. Oktober 2007Irgendwann wäre der Akku leer.